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Zweimal Ruchenköpfe – Leben & Sterben

Ort des Geschehens sind die Ruchenköpfe, vielbesuchte und beliebte Kletterziele im Bayerischen Mangfall-Gebirge.

Beide Geschehnisse trennt eine Zeitspanne von fast genau 50 Jahren und eine räumliche Distanz von nur 50 Metern.

1.) Man schreibt Februar 1948 .

Es gibt fast nichts zu kaufen ( die DM – Währungsreform kommt erst im Juni 1948 ).

Am Taubensteinhaus lebt und arbeitet die Fanny.
Ein Skikurs muss versorgt werden, meist nur mit Stammgericht. Nahrung gibt es für Normalmenschen nur gegen Lebensmittel-Marken, die sie neben vielem Anderen zu verwalten hat.

Die  Fanny ist das Herz der Hütte, sie macht ihre oft anstrengende Arbeit gern, ja mit Begeisterung. Diesen Nachmittag aber hat sie frei.                                                                                Ihr Freund, der Huber Sepp 1,90 Meter langer Leichtathlet bei 1860, ist ebenso begeisterter Bergsteiger wie sie. Mit dem vom Hüttenwirt Sepp Schmidbauer (Zweitbegeher der Matterhorn-Nordwand ) ausgeliehenen alten Vorkriegs- Hanfstrick streben die Beiden auf Ski eilig Richtung Ruchenköpfe, um, bevor der kurze Wintertag zu Ende ist, durch den klassischen Dülferriss (IV+) in der Wandmitte zum Gipfel zu klettern.

Die Ski bleiben am Einstieg, der Sepp klettert voraus. Gegen Ende der dritten Seillänge – den Ausstieg hat er schon in Sichtweite – bricht ihm ein als Griff benützter, doch brüchiger Felsbrocken aus, er stürzt – keinerlei Zwischensicherung ! – mindestens 40 Meter frei durch die Luft – rechts an der Fanny vorbei – ein reinrassiger  Faktor 2 – Sturz.                                                                                                 Sie weiss, dass dies das Ende sein muss, sieht im Zeitraffer die Stationen ihres bisherigen jungen Lebens, ihre Mutter und Geschwister als Innenbild, erwartet den tödlichen Ruck. Ein Ruck kommt – doch sie steht noch da am Standplatz.                                        Mit blutender Brandwunde am Hals, vom durchzischenden Seil bei Schultersicherung (die Narbe blieb bis heute). Das dreilitzige Seil ist halb durchgerissen.  Schockiert und ungläubig schaut sie nach unten : SEPP, lebst du noch ?!  –  Der, weil er tatsächlich noch lebt, ruft hinauf : Ja, lebst du no ?  – und stehn unsere Ski da drunt no da ?

Wieso kann der Sepp das mit nur einem Nasenbein- und Daumenbruch überlebt haben ???                                                                Eine ganze Kompanie Schutzengel müssen den Lebensfaden der Beiden zusammengehalten haben, bei kaum vorhandener Minimal-Chance eines Überlebens. Ein Latschenbusch mit Schneeauflage, im unteren Wandteil, wurde zu Sepps unfreiwilligen Landeplatz.

Es bleibt dramatisch, bis und wie die noch mitten in der Wand stehende Fanny bei nahender Winternacht aus der Gefahrenzone kommt. Ein zufällig vorbeikommender Skitourist, der den Absturz von der gegenüberliegenden Auerspitze aus beobachtet hatte, spielt dabei eine heldenhafte Rolle.

Oft bin ich seitdem beim Klettern dort gewesen, habe versucht, Sepps Fluglinie gedanklich nachzuvollziehen – und verstehe es bis heute nicht, Wie Das gutgehen konnte.                                                       Ein Felssturz vor Jahrzehnten muss den winzigen Latschenfleck unterhalb, der Sepps Überlebenspolster war, wegrasiert haben.  Auch wenn dieses „Polster“ noch da wäre, bleibt mir der glückliche Ausgang des Unfalls schleierhaft.

Doch Gott-sei-Dank ist er wahr – sonst gäbe es unsere ganze Familie nicht.

 

 

                            

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